Muss ich die PrEP jeden Tag nehmen oder kann ich sie intermittierend („unterbrochen“, anlassbezogen) nehmen?

Truvada ist in den USA und Europa zur oralen PrEP mit einmal täglicher Einnahme einer Tablette zugelassen.

Eine europäische PrEP-Studie hat allerdings gezeigt, dass die PrEP auch nur in Zeiten eines erhöhten Risikos (anlassbezogen) eingenommen werden kann und ebenso so zuverlässig wirkt.

Das gilt zumindest für Männer, die Sex mit Männern haben: Ob die anlassbezogene PrEP auch Frauen (oder heterosexuelle Männer) wirksam schützt, wissen wir nicht. Solange es keine Studiendaten dazu gibt, sollten Frauen (und heterosexuelle Männer) die PrEP daher täglich nehmen.

Die französisch-kanadische Ipergay-Studie ergab, dass die anlassbezogene PrEP das Risiko von HIV-Infektionen um mindestens 86 Prozent senkte. Das Studienprotokoll bzw. Einnahmeschema sah wie folgt aus:

  • ZWEI Truvada-Tabletten 24 bis 2 Stunden vor einem erwarteten/möglichen Kontakt mit HIV.
  • Wenn es tatsächlich zu Sex mit einem HIV-Risiko kommt, 2 bis 24 Stunden nach dem Sex EINE Tablette und EINE WEITERE am Tag darauf (das heißt 26 bis 50 Stunden nach dem letzten Sex).

Das folgende Diagramm (auf Französisch) stellt dieses Schema grafisch dar:

www.seronet.info/sites/default/files/shared/admin/images/ipergay1.png

  • Wenn es innerhalb der beiden Tage nach dem ersten sexuellen Risikokontakt erneut zu einem solchen Risikokontakt kommt, fangen die zwei Tage von vorne an. Man nimmt also täglich eine Tablette Truvada, bis zwei Tage nach dem letzten Risikokontakt vergangen sind. Erst dann hört man mit der Einnahme auf.

Hier ein Beispiel mit drei sexuellen Kontakten:

www.seronet.info/sites/default/files/shared/admin/images/ipergay2.png

Das Einnahmeschema mag kompliziert erscheinen, hat sich aber eindeutig als wirksam erwiesen.

Im Durchschnitt lag die Truvada-Einnahme in der Ipergay-Studie bei etwa 50 % dessen, was bei voller Therapietreue bei einer täglich einzunehmenden PrEP eingenommen wird. Gegen die anlassbezogene PrEP wurde eingewendet, viele Ipergay-Teilnehmer_innen hätten so häufig Sex gehabt, dass sie fast auf eine tägliche Einnahme  gekommen seien.

Es gab aber kein durchgängiges Muster bei der Therapietreue. Manche nahmen fast täglich eine Tablette, andere nur selten. Eine jüngst veröffentlichte Analyse hat gezeigt, dass das Ipergay-Einnahmeschema bei Teilnehmer_innen, die weniger häufig Sex hatten als der Durchschnitt, genauso wirksam war wie bei anderen.

Viele Teilnehmer_innen hörten auch für mehrere Monate komplett mit der PrEP auf, bevor sie sie wieder nahmen. Sie passten ihren PrEP-Gebrauch also an den von ihnen selbst wahrgenommenen Bedarf an – und waren damit offenbar sehr erfolgreich.

Dieses Diagramm präsentiert ausführliche Daten zur individuellen Adhärenz („Therapietreue“) während der Ipergay-Laufzeit.

In Frankreich können schwule Männer selbst entscheiden, ob sie eine tägliche PrEP oder eine „PrEP on demand“ (PrEP bei Bedarf) machen wollen, ein anderer Begriff für die anlassbezogene/intermittierende PrEP. Bislang haben sich etwa zwei Drittel für die intermittierende PrEP entschieden. Auch in den Implementierungsstudien AMPrEP (Niederlande) und Be PrEPared (Belgien) wurde die intermittierende PrEP angeboten, dort aber nur von jeweils etwa einem Drittel der Teilnehmer_innen gewählt. In der demnächst in England startenden IMPACT-Stdudie haben die Teilnehmer_innen ebenfalls die Möglichkeit, zwischen intermittierender und täglicher PrEP zu wählen.

Auch schon vor Ipergay hatten Studien nahegelegt, dass eine intermittierende PrEP funktionieren könnte. Die Forscher_innen der iPrEx-Studie beispielsweise schrieben, dass offenbar vier oder mehr PrEP-Tabletten pro Woche für den vollen PrEP-Schutz ausreichen könnten.

Eine weitere große Studie namens ADAPT hat die Performance verschiedener PrEP-Formen bei Männern und Frauen untersucht und dabei die tägliche PrEP mit der PrEP-Einnahme alle zwei Tage und der „PrEP on demand“ (allerdings mit einer Pille vorher und einer Pille nachher) verglichen, ohne die Schutzwirkung dieser PrEP-Formen zu messen. Ergebnis war, dass die tägliche PrEP einfacher einzunehmen war als die intermittierende PrEP.